
Symposium 2026
Rückblick auf das Symposium
Der Beckenboden –
Evidenz, Herausforderungen, Perspektiven
Vergessene Patientinnen
Nicht gemessen? Nicht verstanden? Nicht behandelt?
Mit dieser übergeordneten Fragestellung startet eine neue wissenschaftliche Veranstaltungsreihe, die Themen in den Fokus rückt, in denen Patientinnen und ihre spezifischen Bedürfnisse bislang oft zu wenig Beachtung finden. Das erste ganztägige Symposium der Reihe fand im Rahmen des INTERREG Projektes 3PD statt.
Mit über 100 Teilnehmenden stieß die Veranstaltung auf großes Interesse und zeigte eindrucksvoll, wie hoch der Bedarf an interdisziplinärem Austausch zu diesem bislang oft unterschätzten Thema ist. Zahlreiche Fragen aus dem Publikum, intensive Diskussionen und ein lebendiger Austausch prägten den gesamten Tag und machten das Symposium zu einem vollen Erfolg.
Organisiert vom Labor für Biomechanik unter der Leitung von Herrn Prof.-Dr.-Ing. Sebastian Dendorfer brachte das Symposium Expertinnen und Experten aus Medizin, Biomechanik, Therapie, Psychologie sowie den Gesundheits- und Sozialwissenschaften zusammen. Ziel war es, den Beckenboden aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und neue Impulse für Forschung und Praxis zu setzen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass diese Thematik in vielen Bereichen bislang noch zu wenig Beachtung findet.
Das Programm war in mehrere thematische Sessions gegliedert, die den Teilnehmenden einen umfassenden Überblick ermöglichten:
- Einführung: Anatomische Grundlagen des Beckenbodens – gemeinsamer Referenzrahmen
- Session 1: Gesellschaftliche Herausforderungen und psychologische Aspekte
- Session 2: Therapeutische Methoden und Konzepte
- Session 3: Beckenbodenforschung – interdisziplinäre Perspektiven
Nach der Begrüßung durch Prof. Dr.-Ing. Sebastian Dendorfer folgte eine Einführung in die anatomischen Grundlagen des Beckenbodens vom Anatom Dr. Marcus Koch von der OTH Regensburg. Er zeigte an anschaulichen, anatomischen Bildern, aus welchem komplexem Netzwerk von Muskeln, Faszien, Bändern, Bindegewebe und Nerven der Beckenboden besteht und erklärte, welche Pathologien wie Inkontinenz, Prolaps oder Beckenschmerzen entstehen können.
Session 1: Gesellschaftliche Herausforderungen und Psychologische Aspekte
In der ersten Session des Tages wurden die gesellschaftlichen Herausforderungen und psychologischen Aspekte thematisiert. Dabei wurde deutlich, dass Beckenbodenerkrankungen nicht nur medizinische, sondern auch soziale und psychologische Dimensionen haben.
Univ.-Prof. Dr. Barbara D. Fillenberg von der Universitätsmedizin Mainz erklärte, wie sich das Wissen über die „vergessenen Muskeln“ im Laufe der Zeit verändert hat und wie sich die Gesellschaft die Scham über das Thema sozial erlernt hat. Sie plädierte für mehr Sichtbarkeit und Normalisierung von Beckenbodenbeschwerden, die man durch frühe Körperbildung in Schulen und Sport verbessern könnte, um so mit mehr Wissen über den Beckenboden auch wieder mehr Gesundheitskompetenz und Bereitschaft zur Prävention schaffen kann.
Take-Home-Message Univ.-Prof. Dr. Barbara D. Fillenberg :
„Denke an Deinen Beckenboden,
trainiere ihn, sprich über ihn
und motiviere so andere!“
Prof. Dr. Simone Kubowitsch von der Technischen Hochschule Augsburg machte mit ihrem Vortrag den biopsychosozialen Kontext von Beckenbodenbeschwerden deutlich. Sie brachte die biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren zusammen und ging detailliert auf die psychosozialen Folgen von Beckenbodendysfunktionen ein, wie sozialer Rückzug, Angst und Kontrollverlust, negatives Körperbild oder Beeinträchtigung von Sexualität und Partnerschaft. Sie sprach vom Teufelskreis von Auslösern und Sozialem Rückzug und dass es noch keine standardisierten Protokolle für die Therapie bei Beckenbodendysfunktionen gibt, die Therapieadhärenz aber duch multidisziplinäre Teams verbessert werden kann.
Take-Home-Message Prof. Dr. Simone Kubowitsch:
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Beckenbodenbeschwerden sind häufig und mit deutlichen psychosozialen Belastungen verbunden.
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Objektiver Befund erklärt nicht automatisch subjektiven Leidensdruck.
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Angst, Scham, Stress und Vermeidung fördern Chronifizierung.
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Wirksame Versorgung braucht ein biopsychosoziales, multidisziplinäres Vorgehen.
Session 2: Beckenbodentherapie – Einblicke in die befundorientierte, patientenzentrierte und funktionale Therapie
In der anschließenden Session zu physiotherapeutischen Methoden und Konzepten wurden aktuelle Einblicke in die befundorientierte, patientenzentrierte und funktionale Therapie gegeben.
Die Physiotherapeutin Maike Bloch aus der Praxis Therapie mit Weitblick sprach zunächst über die Indikatoren von Beckenbodenbeschwerden, wie die erste Anamnese in einer physiotherapeutischen Einrichtung erfolgt und welche standardisierten Fragebögen Betroffenen durchlaufen.
Katrina Ramsbeck B.Sc. von der Praxis Sporting Spine ging anschließend auf die physiotherapeutischen Befunde in der Beckenbodenphysiotherapie ein und verdeutlichte, dass die Annahme, Symptome entstehen immer aus einem Schwachen Beckenboden heraus pauschal nicht gemacht werden kann und stattdessen der Beckenboden als funktionelles System im Zusammenspeil mit u.A. der Haltung, der Hüft-, Bein-, Rücken- und -Bauchmuskulatur sowie der Atmung, ganzheitlich untersucht werden muss.
Krisztina Wink aus der Physiotherapie Praxis Wink ging als Abschluss der Session noch genauer auf die Therapiemaßnahmen der Beckenbodenphysiotherapie ein. Auch sie betonte, dass es sich um keine reine Übungsbehandlung eines einzelnen Muskeln handelt, sondern multimodale Ansätze kombiniert werden, die patientenzentriert auf individuelle Ziele angewendet werden müssen, für die man vor allem Zeit, Regelmäßigkeit und eine angemessene Inensität braucht. Sie erklärte, dass man keine Belastungsspitzen vermeiden und den Beckenboden schonen muss, sondern die Bewegung funktionell steuern kann und es verschiedene Aspekte des Alltags, wie das Trink- und Toilettenverhalten, Ernährung und Bewegungsverhalten, die Beckenbodengesundheit beeinflussen.
Take-Home-Message Maike Bloch, Katrina Ramsbeck und Krisztina Wink:
Nicht die Diagnose bestimmt die Therapie – sondern die individuellen Bedürfnisse, Ziele und Ressourcen der Patient:innen.
Eine erfolgreiche Beckenbodenphysiotherapie basiert auf:
✔ Bewegung statt Vermeidung
✔ Funktion statt isolierter Kraft
✔ Aufklärung statt Angst
✔ Aktivität statt Passivität
Ziel ist nicht nur die Reduktion von Symptomen, sondern vor allem die Verbesserung der Lebensqualität, der Selbstwirksamkeit und der Teilhabe im Alltag.
Die ausgedehnte Kaffeepause bot Raum für persönlichen Austausch und Vernetzung. Außerdem wurden viele andere Forschungsbereiche des Labor für Biomechanik im Foyer des Maschinenbaugebäudes anschaulich präsentiert.
Session 3: Beckenbodenforschung – aktueller Stand aus interdisziplinären Fachperspektiven
Am Nachmittag stand die interdisziplinäre Forschung im Fokus. Vertreterinnen und Vertreter aus Klinik und Wissenschaft präsentierten aktuelle Erkenntnisse und innovative Ansätze aus verschiedenen Fachrichtungen.
Prof. Dr. Claudia Plappert und Konstanze Weinert, M.A., vom Universitätsklinikum Tübingen präsentierten die evidenzbasierte Beckenboden-Protektion aus Sicht der Hebammenwissenschaft. Sie legten nahe, dass Beckebodenschäden sehr häufig unerkannt bleiben aufgrund von großen Wissenslücken zum Beckenboden an sich aber auch durch die Einschätzung, sie gehörten vor allem nach einer Geburt dazu, sind unvermeidbar und werden dementsprechend nicht angesprochen sondern tolleriert. Sie betonen allerdings, dass Hebammen Risikofaktoren und frühe Symptome identifizieren und Prävention fördern können. Anschließend präsentierten sie erste Ergebnisse ihrer Studie „pelviTrust“, die zeigen, dass ein großer Teil an untersuchten Frauen, die angeben sie sind in der Lage den Beckenboden gezielt zu kontrahieren, objektiv gemessen nicht korrekt anspannen können und mehr Anleitungen benötigen.
Take-Home-Message Prof. Dr. Claudia Plappert und Konstanze Weinert, M.A.:
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Hebamme als essenzieller Baustein im interprofessionellen Netzwerk zur Förderung der Beckenbodengesundheit
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Beckenbodengesundheit als „must have“ in der Hebammenarbeit
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Beckenbodengesundheit als curriculares Ausbildungsziel verankern
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Strukturelle Anpassung im Gesundheitssystem notwendig
Ein besonderer Schwerpunkt der Session lag auf den Arbeiten im Rahmen des INTERREG-Projekts, in denen neue Technologien und Modellierungsansätze zur besseren Erfassung und Analyse der Beckenbodenfunktion entwickelt wurden.
Projektpartner Ing. Jan Vychytil, Ph.D. vom NTC Pilsen präsentierte den Prototyp des im Projekt interdisziplinär entwickelten Sensorsystems zur nichtinvasiven Messung der Beckenbodenkontraktionen als Integration in ein Trainignstool. Das Produkt zeigte die erfolgreiche Zusammenarbeit von Sensorik, Auswertungseinheit und App-Anbindung in ein funktionsfähiges Gesamtsystem, das Messdaten in Echtzeit erfasst und visualisiert sowie perspektivisch eine Unterstützung bei der medizinischen Bewertung ermöglichen kann.
Take-Home-Message Ing. Jan Vychytil, Ph.D:
„Proper exercising of pelvic floor muscles for prevention of future disorders“
Zum Abschluss des Symposiums stellten Ina Kasberger M.Sc. und Nikolas Förstl, M.Sc. aus dem Labor für Biomechanik der OTH Regensburg ihre biomechanischen Modellierungsansätze für biomechnische Analysen des Beckenbodens vor. Sie zeigten anschaulich, welche Kräfte im Körper grundsätzlich die Beckenbodenmuskelaktivität beeinflussen, und wie sie diese in drei verschiedenen Simulationsmodellen simulieren können. Auch sie zeigten erste Ergebnisse aus ihrer Probandenstudie, in der sie verschiedenene Ganzkörperbewegungen aufgenommen haben und anschließend anhand ihrer Modelle die Belastungen auf den Beckenboden sowie die Reaktion der Beckenbodenmuskulatur darauf berechnet haben. Im Vergleich betonen sie, dass bei langsamen Gehen zum Beispiel weniger belastende Kräfte und weniger Beckenboden-Muskelkräfte auftreten als bei Sprungbewegungen und schnellem Laufen, man aber dennoch, je nach Anforderungen, sämtliche Übungen individuell auswählen, in ihrer Ausführung anpassen und somit die Belastungen individuell steuern kann.
Take-Home-Message Ina Kasberger M.Sc.
und Nikolas Förstl, M.Sc.:
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Individuelle Übungsauswahl
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Individuelle Übungsausführung
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Individuelle Belastungssteuerung
Die Veranstaltung bot insgesamt viele Gelegenheit, offene Fragen aufzugreifen, Perspektiven zusammenzuführen und zukünftige Forschungsrichtungen zu diskutieren. Das durchweg positive Feedback der Teilnehmenden, die hohe Beteiligung an den Diskussionen und das große Interesse an den vorgestellten Themen zeigen, wie wichtig eine solche Plattform für den fachübergreifenden Austausch ist.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Referentinnen und Referenten sowie bei allen Teilnehmenden für ihr Engagement und den inspirierenden Dialog und freuen uns auf die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe.
Programm
10:00 – 10:15 Uhr
Begrüßung
Prof. Dr.-Ing. Sebastian Dendorfer, OTH Regensburg
Einführung: Anatomische Grundlagen des Beckenbodens – gemeinsamer Referenzrahmen
10:20 – 10:40 Uhr
Dr. Marcus Koch, OTH Regensburg
Session 1: Gesellschaftliche Herausforderungen und psychologische Aspekte
10:45 – 11:05 Uhr
Univ.-Prof. Dr. Barbara Fillenberg, Universitätsmedizin Mainz
11:10 – 11:30 Uhr
Prof. Dr. Simone Kubowitsch, Technische Hochschule Augsburg
Session 2: Beckenbodentherapie – Einblicke in die befundorientierte, patientenzentrierte und funktionale Therapie
11:35 – 12:20 Uhr
Maike Bloch, Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Gynäkologie, Praxis Therapie mit Weitblick
Katrina Ramsbeck B.Sc. (Praxis Sporting Spine)
Krisztina Wink (Physiotherapie Praxis Wink)
12:20 – 13:30 Uhr
Kaffeepause
Session 3: Beckenbodenforschung – aktueller Stand aus interdisziplinären Fachperspektiven
13:30 – 13:50 Uhr
Prof. Dr. Claudia Plappert und Konstanze Weinert, M.A., Universitätsklinikum Tübingen
13:55 – 14:15 Uhr
Ing. Jan Vychytil, NTC Pilsen
14:20 – 14:40 Uhr
Nikolas Förstl, M.Sc. und Ina Kasberger, M.Sc., OTH Regensburg
14:40 – 15:30 Uhr
Diskussionsrunde
Anfahrt
Anschrift:
OTH Regensburg
Galgenbergstraße 30,
93053 Regensburg
Fakultät Maschinenbau
Gebäudeteil D
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- Foyer
- Hörsaal D002
